Wie biblische Erfahrungen und moderne Traumatherapie Wege zu Sicherheit und neuem Leben öffnen können
Freitag, 23. Oktober 2026, 19:00 Uhr
„Derendinger Abend“ der Evangelischen Kirchengemeinde Derendingen im Primus-Truber-Haus, Tübingen-Derendingen
Manche Erfahrungen erschüttern einen Menschen tief. Das können traumatische Erlebnisse oder lange nachwirkende einzelne oder andauernde Erlebnisse sein wie schwere Verluste, Krankheit, Gewalt, Beschämung, belastende Beziehungserfahrunge, fehlende Bindung oder andere Verletzungen, die lange nachwirken.
Nicht immer liegt dabei eine Traumafolgestörung im diagnostischen Sinn vor. Dennoch können Angst, Rückzug, Scham, Misstrauen, körperliche Alarmreaktionen oder ein hoher Leidensdruck das Leben erheblich prägen. Im Mittelpunkt des Abends steht deshalb nicht eine Diagnose, sondern der leidende Mensch.
Zwei Perspektiven im Gespräch
An diesem Abend möchten wir biblische Erfahrungen und moderne Traumatherapie miteinander ins Gespräch bringen.
Die Traumatherapie hat viel darüber gelernt, wie Menschen auf überwältigende Erfahrungen reagieren und weshalb Schutzreaktionen manchmal weiterwirken, obwohl die ursprüngliche Gefahr längst vorüber ist. Sie fragt danach, ein hilfreiches Gefühl von Sicherheit und Stabilität wieder entstehen kann – im Körper, im Denken, im inneren Erleben und in Beziehungen.
Auch die Bibel erzählt von erschütterten und tief verletzten Menschen: von Erschöpfung und Rückzug, Zweifel und Scham, körperlichem Leiden, verletztem Vertrauen und verschlossenen Türen. Zugleich erzählt sie davon, wie Gott Menschen sieht, hört und versorgt, wie Jesus Menschen begegnet, ihre Würde achtet und Frieden zuspricht.
Dabei sollen beide Perspektiven ihr eigenes Recht behalten. Die Bibel ist kein psychotherapeutisches Lehrbuch, und moderne Traumatherapie erklärt nicht nachträglich, was biblische Geschichten eigentlich bedeuten.
Dennoch können beide auf ihre Weise Wege zu Sicherheit und neuem Leben eröffnen. Und sie können sich gegenseitig kritisch befragen.
Religiöse Begleitung muss sich beispielsweise fragen lassen, wo vorschnelle Erklärungen, Glaubensdruck oder Forderungen nach schneller Vergebung Menschen zusätzlich verletzen können. Umgekehrt muss sich auch Psychotherapie fragen lassen, wo eine Methode oder ein Konzept wichtiger werden als der konkrete Mensch, das Aushalten, das Mitgehen und die behutsame Rückkehr in hilfreiche Sicherheit.
Sicherheit für Körper, Verstand und Psyche
Ein Schwerpunkt des Abends wird die Frage sein, was Sicherheit nach tiefen Erschütterungen bedeuten kann.
Der Körper kann wieder erfahren, dass die gegenwärtige Situation nicht mehr die frühere Gefahr ist. Der Verstand kann besser verstehen, weshalb scheinbar unverständliche Reaktionen einmal wichtige Schutzfunktionen hatten. Innere Schutzreaktionen können wahrgenommen und eingeordnet werden, statt sie nur bekämpfen zu müssen. Und in Beziehungen kann Sicherheit dort wachsen, wo Grenzen geachtet werden und niemand zu Nähe, Offenheit oder bestimmten Reaktionen gedrängt wird.
Aus christlicher Sicht kommt eine weitere Frage hinzu: Gibt es neben der Sicherheit, die ein Mensch wieder in Körper, Verstand, Psyche und Beziehungen erfahren kann, auch eine letzte Sicherheit, die nicht von uns sebst abhängt? Was bedeutet es, darauf zu vertrauen, dass ein Mensch auch in seiner Verletzlichkeit von Gott gesehen und gehalten bleibt?
Diese geistliche Dimension ist keine therapeutische Methode und kein Versprechen, dass alles Leid verschwindet. Sie eröffnet einen anderen Horizont.
Biblische Geschichten und traumatherapeutische Erfahrung
An verschiedenen biblischen Geschichten werden wir danach fragen, was Menschen in schweren Erschütterungen widerfährt, wie Gott und Jesus ihnen begegnen und welche Berührungspunkte sich zu heutiger traumatherapeutischer Erfahrung ergeben.
Dabei geht es unter anderem um Sicherheit und Orientierung, innere Schutzreaktionen, Körper und Psyche, Beziehung und Würde, Zweifel und Vertrauen sowie um die Wiedergewinnung eigener Handlungsmöglichkeiten.
Wir – Beate und Jörg Beyer – gestalten den Abend gemeinsam. Wir verbinden unseren theologischen und religionspädagogischen Hintergrund mit rund 15 Jahren Erfahrung in der Begleitung traumatisierter und tief verletzter Menschen. Unsere psychotherapeutische Arbeit ist unter anderem durch Ego-State-Therapie, Hypnotherapie und körperorientierte Psychotherapie geprägt.
Die Methoden stehen an diesem Abend jedoch nicht im Vordergrund. Sie dienen dort als Hintergrund, wo sie helfen können, menschliche Reaktionen besser zu verstehen.
Für Betroffene und alle Interessierten
Der Abend richtet sich an Betroffene und alle Interessierten: an Angehörige, an Menschen, die beruflich, ehrenamtlich oder als Mitchristen andere begleiten, an Kollegen aus Seelsorge, Theologie, Psychologie und Psychotherapie – und an alle, die neugierig auf dieses Thema sind.
Auch Menschen, die mit Kirche und christlichem Glauben wenig vertraut sind, sind ausdrücklich willkommen.
Neben einem verständlichen Vortrag wird es Gelegenheit geben, einzelne biblische Geschichten in Tischgruppen genauer anzuschauen. Niemand muss dabei persönliche Erfahrungen erzählen.
Der Abend schließt mit einer geistlichen Betrachtung und einem Segen.
Wir laden herzlich ein.
Beate und Jörg Beyer
Der Derendinger Abend ist eine Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde Derendingen. Die Teilnahme ist kostenlos.