Psychotherapie ist mehr als ein Manual

Warum wir nicht nur nach Schema arbeiten

landkarte und weg
Integrierte Psychotherapie: Landkarte und Wirklichkeit müssen zusammenpassen

Kurz gesagt: Ein Manual ist eine genaue Anleitung für eine Therapie. Es ist wie eine gute Landkarte: Es gibt Orientierung und zeigt bewährte Wege. Aber eine Landkarte allein entscheidet noch nicht, wie gut jemand ans Ziel kommt.

Auch die Forschung zeigt: Wenn sich ein Therapeut besonders genau an ein Manual hält, führt das nicht automatisch zu einem besseren Ergebnis. Wichtig sind fachliches Können, eine gute therapeutische Arbeitsbeziehung und ein Vorgehen, das zur jeweiligen Situation passt.

Deshalb arbeiten wir nicht einfach nach Schema. Wir verbinden fachlich begründete Methoden mit dem genauen Blick auf den einzelnen Menschen.

Was das bei uns bedeutet

Am Anfang versuchen wir zu verstehen:

  • Was belastet Sie?
  • Was haben Sie bereits versucht?
  • Was brauchen Sie im Moment?
  • Welche therapeutischen Wege könnten zu Ihrer Situation passen?

Wir erklären Ihnen, warum wir eine bestimmte Methode vorschlagen und was wir uns davon versprechen.

Während der Therapie prüfen wir immer wieder:

Hilft dieser Weg noch? Passt die Methode? Brauchen wir einen anderen Zugang?

Darüber entscheiden wir gemeinsam mit Ihnen.

Auch bei körperorientierter Psychotherapie gilt: Körperkontakt oder therapeutische Berührung wird vorher besprochen und geschieht nur mit Ihrem Einverständnis. Sie können jederzeit „Stopp“ sagen.

Warum wir verschiedene Verfahren miteinander verbinden

Wir arbeiten integrativ. Das bedeutet: Wir sind nicht auf ein einziges Therapieverfahren festgelegt.

Je nach Situation können unterschiedliche Wege sinnvoll sein, etwa:

  • ein klärendes Gespräch
  • Erklärungen zu Ihren Beschwerden (Psychoedukation)
  • Hypnotherapie
  • die Arbeit mit inneren Anteilen
  • Verfahren zur Behandlung von Traumafolgen
  • körperorientierte Psychotherapie

Menschen bringen selten Probleme mit, die genau in ein einziges Schema passen.

Jemand kann zum Beispiel genau verstehen, warum er Angst hat, und sein Körper bleibt trotzdem angespannt.

Ein anderer Mensch findet über innere Bilder einen Zugang, wo ihm Worte fehlen.

Wieder jemand anderes braucht zuerst Sicherheit, Orientierung und ein besseres Verständnis seiner Beschwerden.

Deshalb betrachten wir drei Bereiche, die zusammengehören:

  • Denken: Was ist geschehen? Was verstehe ich bereits? Welche Erfahrungen prägen mich?
  • Fühlen: Welche Gefühle tauchen auf? Was bedeuten sie?
  • Körper: Wo spüre ich Anspannung, Unruhe, Ruhe oder Kraft?

Nicht jeder braucht alles. Und eine grundsätzlich hilfreiche Methode ist nicht zu jeder Zeit die richtige.

Integrativ bedeutet nicht beliebig

Verschiedene Verfahren miteinander zu verbinden heißt nicht, Methoden wahllos zu mischen.

Die Frage lautet nicht:

„Welche Methode könnten wir heute ausprobieren?“

Sondern:

„Was ist bei diesem Menschen, mit diesem Problem und zu diesem Zeitpunkt fachlich sinnvoll?“

Dabei berücksichtigen wir wissenschaftliche Erkenntnisse und Behandlungsleitlinien.

Für manche psychischen Erkrankungen gibt es besonders gut untersuchte Verfahren. Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung empfehlen Leitlinien zum Beispiel bestimmte traumafokussierte Behandlungen.

Solche Empfehlungen kennen und berücksichtigen wir.

Integratives Arbeiten bedeutet für uns deshalb nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse beiseitezuschieben. Es bedeutet, sie auf den einzelnen Menschen und seine konkrete Situation zu beziehen.

Was ist ein Manual?

Viele Therapieverfahren haben ein Manual.

Darin wird beschrieben:

  • wie eine Behandlung aufgebaut ist
  • welche Methoden dazugehören
  • in welcher Reihenfolge bestimmte Schritte sinnvoll sein können

Manuals sind wichtig. Sie helfen bei Ausbildung und Forschung. Sie sorgen außerdem dafür, dass unter dem Namen eines Verfahrens nicht etwas völlig anderes gemacht wird.

In der Forschung untersucht man auch, wie genau sich Therapeuten an solche Vorgaben halten. Das nennt man Manualtreue.

Was zeigt die Forschung?

Forscher haben zahlreiche Einzelstudien zusammengefasst.

Eine Metaanalyse von 2010 untersuchte 36 Studien. Im Durchschnitt zeigte sich fast kein Zusammenhang zwischen genauer Manualtreue und dem Erfolg einer Therapie. Die einzelnen Studien fielen allerdings unterschiedlich aus, der Durchschnitt ist deshalb mit Vorsicht zu lesen.<sup>1</sup>

Eine größere Metaanalyse aus dem Jahr 2022 mit 62 Studien und 8.210 Erwachsenen kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass eine besonders genaue Manualtreue nicht automatisch mit besseren Therapieergebnissen verbunden ist.<sup>2</sup>

Ein weiterer Forschungsüberblick fand ebenfalls keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Psychotherapie mit Manual grundsätzlich besser wirkt als Psychotherapie ohne Manual.<sup>3</sup>

Das heißt nicht, dass Manuals unwichtig sind.

Es heißt:

Eine Therapie wird nicht allein dadurch gut, dass eine Anleitung besonders genau eingehalten wird.

Wir möchten dabei genau sein: Diese Studien untersuchen, wie Therapeuten innerhalb eines Verfahrens arbeiten. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Ob die Verbindung mehrerer Verfahren besser wirkt, sagen sie nicht. Dass wir integrativ arbeiten, ist unsere fachliche Schlussfolgerung aus Forschung und Erfahrung, kein Forschungsergebnis.

Eine Landkarte muss man auch lesen können

Die Landkarte zeigt Wege und Orientierungspunkte. Trotzdem muss man unterwegs wahrnehmen, was tatsächlich vor einem liegt.

Ähnlich ist es in der Psychotherapie.

Ein Therapeut muss seine Methoden gründlich gelernt haben. Er muss aber auch erkennen können, wann eine Methode hilfreich ist, wann sie angepasst werden muss und wann ein anderer Weg sinnvoller ist.

Flexibel zu arbeiten ist kein Ersatz für Ausbildung. Es setzt Ausbildung voraus.

Auch die therapeutische Arbeitsbeziehung zählt

Psychotherapie besteht nicht nur aus Methoden.

Eine große Metaanalyse untersuchte 295 Studien mit mehr als 30.000 Patienten. Menschen mit einer guten therapeutischen Arbeitsbeziehung erreichten im Durchschnitt bessere Behandlungsergebnisse.<sup>4</sup>

Mit therapeutischer Arbeitsbeziehung ist mehr gemeint als Sympathie.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Vertrauen
  • gemeinsame Ziele
  • ein gemeinsames Verständnis des Problems
  • Einigkeit über das Vorgehen
  • die Möglichkeit, Zweifel und Schwierigkeiten offen anzusprechen

Eine gute Beziehung allein garantiert keinen Therapieerfolg.

Aber:

Eine gute therapeutische Beziehung ersetzt kein fachliches Können. Fachliches Können ersetzt aber auch keine gute therapeutische Beziehung.

Was Sie von uns erwarten dürfen

Wir erklären unser Vorgehen.
Sie dürfen wissen, warum wir eine Methode vorschlagen und wie gut sie wissenschaftlich untersucht ist.

Sie dürfen mitentscheiden.
Sagen Sie uns, wenn etwas für Sie nicht passt oder unverständlich ist. Ihre Rückmeldung gehört zur Therapie.

Sie dürfen nach unserer Qualifikation fragen.
Fragen nach Ausbildung, Erfahrung, Methoden und Supervision sind berechtigt.

Wir unterscheiden zwischen Forschung und Erfahrung.
Nicht alles, was sich therapeutisch bewährt, ist gleich gut wissenschaftlich untersucht. Diesen Unterschied möchten wir klar benennen.

Unser Fazit

Manuals und klar beschriebene Therapieverfahren sind wichtig. Sie geben Orientierung und machen therapeutische Arbeit überprüfbar.

Aber gute Psychotherapie besteht nicht darin, eine Anleitung mechanisch abzuarbeiten.

Für uns gehören zusammen:

fachlich begründete Methoden, gründliche Ausbildung, therapeutische Erfahrung, eine tragfähige Arbeitsbeziehung und der genaue Blick auf den einzelnen Menschen.

Integrativ zu arbeiten bedeutet für uns, verschiedene Verfahren gründlich zu kennen, ihre Möglichkeiten und Grenzen ernst zu nehmen und gemeinsam mit Ihnen zu entscheiden, was in Ihrer konkreten Situation sinnvoll ist.

Quellen

  1. Webb, C. A., DeRubeis, R. J. & Barber, J. P. (2010): Therapist adherence/competence and treatment outcome: A meta-analytic review. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 78(2), 200–211. https://doi.org/10.1037/a0018912
  2. Power, N., Noble, L. A., Simmonds-Buckley, M., Kellett, S., Stockton, C., Firth, N. & Delgadillo, J. (2022): Associations between treatment adherence-competence-integrity and adult psychotherapy outcomes. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 90(5), 427–445. https://doi.org/10.1037/ccp0000736
  3. Truijens, F., Zühlke-van Hulzen, L. & Vanheule, S. (2019): To manualize, or not to manualize: Is that still the question? Journal of Clinical Psychology, 75(3), 329–343. https://doi.org/10.1002/jclp.22712
  4. Flückiger, C., Del Re, A. C., Wampold, B. E. & Horvath, A. O. (2018): The alliance in adult psychotherapy: A meta-analytic synthesis. Psychotherapy, 55(4), 316–340. https://doi.org/10.1037/pst0000172

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